Schuldgefühle bei der Eingewöhnung: Wer entscheidet eigentlich gerade?
Georg Lenz • 11. Oktober 2026
Warum Schuld zum Kita-Start dazugehört
und woran du merkst, dass sie gerade für dich entscheidet
Du stehst morgens in der Kita-Garderobe. Dein Kind hält sich an deinem Bein fest, die Erzieherin schaut dich erwartungsvoll an und in deinem Bauch zieht sich etwas zusammen. Gleichzeitig laufen die Gedanken los. Ich muss endlich loslassen. Vielleicht mache ich es schlimmer, wenn ich bleibe. Die anderen Eltern schaffen das doch auch. Bald muss ich wieder arbeiten.
Spätestens jetzt geht es nicht mehr nur darum, was dein Kind braucht. Es geht auch um deine Erwartungen, deine Angst und den Wunsch, alles richtig zu machen. Sehr oft steckt dahinter ein Gefühl, das wir ungern haben. Schuld.
Schuldgefühle sind nicht das Problem. Schwierig wird es erst, wenn du nicht merkst, dass sie gerade mitentscheiden. Als Erzieher erlebe ich das seit 20 Jahren in der Garderobe.
Was Schuld eigentlich ist
Psychologisch ist Schuld ein soziales Gefühl. Es entsteht, wenn wir glauben, einem Menschen geschadet zu haben, der uns nahesteht. Es soll uns dazu bringen, die Beziehung zu schützen (Baumeister, Stillwell & Heatherton, 1994). Bei Eltern ist dieses System besonders empfindlich. Es gibt kaum eine andere Beziehung, in der wir uns so verantwortlich fühlen.
Dazu kommt Druck von außen. Rotkirch und Janhunen (2010) beschreiben mütterliche Schuld als weit verbreitet. Sie hängt eng mit der Erwartung zusammen, immer für das Kind da zu sein. Borelli und Kolleginnen (2017) fanden, dass Mütter kleiner Kinder deutlich stärker als Väter Schuld wegen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleben. Dein Schuldgefühl ist also nicht nur dein persönliches Problem. Es wird auch von Rollenbildern mit erzeugt. Auch die Trennung selbst ist für Eltern nicht neutral. Hock, McBride und Gnezda (1989) haben die Trennungsangst von Müttern früh als eigenes Phänomen beschrieben, unabhängig von der Angst des Kindes.
In der Eingewöhnung laufen mehrere Aufträge gleichzeitig. Du willst dein Kind schützen, der Kita vertrauen, vielleicht wieder arbeiten gehen und dabei nicht überängstlich wirken. Diese Aufträge widersprechen sich. Am selben Morgen denkst du, dass dein Kind dich braucht und dass es lernen muss, ohne dich zurechtzukommen. Beides fühlt sich wahr an. Genau in diesem Spannungsfeld bekommt Schuld ihre Kraft.
Wie Schuld dein Verhalten lenkt
Schuld wirkt selten laut. Sie zeigt sich in Impulsen, die im Moment aufploppen und sich vernünftig anfühlen. In meinem Alltag als Erzieher begegnen mir immer wieder dieselben.
Manche Eltern denken: Wenn ich möglichst unauffällig gehe, wird es leichter. Dahinter steckt oft, dass es ihnen schwerfällt, mit den Tränen ihres Kindes umzugehen. Sie möchten sie deshalb gern vermeiden. Andere setzen auf Belohnung. Wir kaufen gleich was Süßes oder wir essen im Auto etwas, damit es dem Kind leichter fällt, beim Abholen mitzugehen.
Keines dieser Muster ist böse gemeint. Die Muster sind der Schutz. Sie schützen dich und dein Kind vor einem Moment, der schwer auszuhalten ist. Oft stammen sie aus früheren Erfahrungen.
Demgegenüber darf deine Haltung aus dem Hier und Jetzt stehen. Sie wächst aus dem, was du in den letzten Tagen und Wochen tatsächlich erlebt hast. Wie geht es deinem Kind in der Einrichtung? Wie fühlst du dich dort? Wie ist die Verbindung zur Fachkraft? Hast du eine gute Verbindung, entsteht daraus auch ein gutes Gefühl. Diese Haltung ist nicht unbedingt tiefer als der Impuls, aber sie ist aktueller. Sie beruht auf dem, was du jetzt erfährst und nicht auf einem alten Reflex.
Deshalb gilt: Haltung vor Impuls. Wenn du merkst, dass ein Impuls aufploppt und du ihm nachgeben möchtest, darfst du dich an deine Haltung erinnern. Dann hast du etwas Tragfähigeres, an dem du dich orientieren kannst.
Wer sich schuldig fühlt, sieht die Situation durch eine andere Brille. Sagt die Fachkraft „Gehen Sie ruhig, das wird meistens schnell besser“, kann das aus Erfahrung stimmen. Es kann aber auch das Weinen kleinreden. Mit viel Schuld im Gepäck willst du vielleicht nur noch schnell verschwinden und hältst das Weinen kaum aus. Dann hilft die Frage, was deine Haltung dazu sagt. Es kann auch genau umgekehrt laufen. Du kannst nicht gehen, obwohl dein Kind längst bei der Fachkraft angekommen ist. Dann meldet sich deine eigene Trennungsangst. Du glaubst, auf dein Kind zu reagieren, du reagierst aber tatsächlich auf das, was es bei dir auslöst.
Warum dein Kind deine Stimmung liest
Kleine Kinder beobachten ihre Bezugspersonen sehr genau. Im klassischen Experiment von Sorce und Kollegen (1985) krabbelten einjährige Kinder über eine optische Tiefenkante, wenn ihre Mutter freudig schaute. Zeigte die Mutter Angst, blieben fast alle Kinder stehen. Dein Kind orientiert sich an dir. Nicht an deinen Worten, sondern an deinem inneren Zustand.
Das heißt nicht, dass du deine Gefühle verstecken musst. Du musst nicht vor Selbstsicherheit strotzen. Wenn du versuchst, sicher zu wirken, obwohl du es nicht bist, baust du Druck auf. Genau dieser Druck überträgt sich auf dein Kind. Entscheidend ist, ob du trotz deiner Gefühle noch wahrnehmen kannst, was dein Kind gerade zeigt. Du kannst traurig sein und trotzdem Halt geben. Du kannst Schuld spüren, ohne dich darin zu verlieren.
Die Eingewöhnung ist für Kinder tatsächlich anstrengend. Ahnert, Gunnar, Lamb und Barthel (2004) begleiteten 70 Kinder von durchschnittlich etwa 15 Monaten beim Übergang in die Krippe und maßen deren Cortisolspiegel. Cortisol ist ein Stresshormon. Nach der Trennung von der Mutter stieg es deutlich über die Werte zu Hause. Vermeer und van IJzendoorn (2006) zeigen in einem Review, dass viele Kinder in außerfamiliärer Betreuung erhöhte Cortisolwerte haben. Bernard und Kolleginnen (2015) fanden veränderte Cortisolmuster noch Wochen nach dem Start.
Die Studien zeigen, wie ernst Kinder die Trennung nehmen. Die Studie von Ahnert und Kollegen (2022) mit Kindern zwischen zehn und 35 Monaten zeigt, worauf es ankommt. Günstigere Stressverläufe fanden sich eher bei Kindern, die zu den Eltern und zur Betreuungsperson eine sichere Beziehung hatten. Auch die Sorgen der Mütter hingen mit späteren Stressprofilen zusammen. Das ist ein Zusammenhang und kein Beweis, dass deine Gefühle das Stressniveau deines Kindes verursachen. Dass Schuld bei Eltern bleibende Schäden anrichtet, lässt sich aus der Forschung nicht ableiten. Die bessere Frage lautet deshalb, welche Beziehungen deinem Kind helfen, mit der Trennung umzugehen. Aus der Betreuungsforschung wissen wir außerdem, dass die Feinfühligkeit der Fachkraft und die Gruppengröße viel dazu beitragen, ob ein Kind eine sichere Beziehung zu ihr aufbaut (Ahnert, Pinquart & Lamb, 2006).
Das Muster sichtbar machen
Die Bindungsforschung nennt die Fähigkeit, hinter Verhalten innere Zustände zu sehen, elterliche Reflexionsfähigkeit. Gemeint ist die Frage, was gerade in deinem Kind vorgeht und was gleichzeitig in dir. Schultheis, Mayes und Rutherford (2019) untersuchten 97 Mütter. Wer seine Gefühle schlechter regulieren konnte oder sie eher unterdrückte, zeigte weniger Neugier auf die inneren Zustände des Kindes. Das heißt nicht, dass Angst oder Schuld deinem Kind schaden. Es zeigt aber, dass du dein Kind leichter erkennst, wenn du erkennst, was in dir selbst passiert.
Dafür hilft eine einfache Übung. Nimm eine konkrete Situation aus der Eingewöhnung und schreibe vier Dinge auf:
- Was ist passiert? Nur das Beobachtbare, zum Beispiel: „Mein Kind hat sich an meinem Bein festgehalten und geweint.“
- Was habe ich daraus gemacht? Etwa: „Es ist noch nicht bereit“ oder „Ich ruiniere die Eingewöhnung.“
- Was habe ich dabei gefühlt? Angst, Schuld, Scham, Hilflosigkeit, Ärger, Zeitdruck?
- Welchen Impuls hatte ich? Gehen, bleiben, mein Kind überreden, belohnen, mich vor der Fachkraft rechtfertigen?








